Warum die Kulturtourismusstudie 2015?

Kultur- und Tourismusakteure beobachten aufmerksam ein zunehmend reisefreudiges Kulturpublikum, das losgelöst vom Alltag und außerhalb der gewohnten Umgebung Kultureinrichtungen und -veranstaltungen besucht. Untersuchungen belegen: auf Reisen, ob bei längeren Urlaubsreisen im Ausland oder bei Kurzreisen im Inland, wächst das Interesse an Kunst und Kultur tatsächlich. Selbst wer im Alltag kaum für entsprechende Angebote zu begeistern ist, besichtigt auf Reisen nach Gelegenheit Sehenswürdigkeiten, besucht Ausstellungen, Museen oder Kulturveranstaltungen und macht sich mit der örtlichen Geschichte und den Traditionen vertraut – ein Potenzial, das nicht zuletzt Akteure der Kulturvermittlung und Kulturellen Bildung mehr und mehr erkennen.

Der vielbeschworene Wachstumsmarkt Kulturtourismus gilt jedoch nicht nur für die kulturtouristische Nachfrage, sondern auch angebotsseitig für die Akteure im Kulturtourismus: Zahlreiche Kommunen und Regionen im deutschsprachigen Raum setzen auf kulturelle Sehenswürdigkeiten und Events beispielsweise in Form von Sonderausstellungen und Festivals, Tourismusorganisationen bauen in ihren Marketingkonzeptionen auf den Attraktivitätsfaktor Kultur, und Spezialanbieter profilieren sich mit kulturtouristischen Nischenprodukten. Die Konkurrenz nimmt stetig zu und neue Erscheinungsformen des Kulturtourismus etablieren sich (z. B. »Industrietourismus«, »spiritueller Tourismus«).

Wer auf diesem Markt erfolgreich agieren möchte, muss kooperationsbereit sein; Kulturtourismus setzt die Zusammenarbeit zwischen Kultur und Tourismus voraus: Einerseits können Tourismusakteure kulturelle Potenziale nur dann touristisch in Wert setzen, wenn Kulturakteure die Kulturproduktion sicherstellen. Andererseits induziert ein singuläres kulturelles Angebot in der Regel noch keinen Tourismus, denn Touristen fragen Leistungsbündel nach, die An- und Abreise, Unterkunft, Gastronomie und weitere touristische Einzelleistungen umfassen.

Der Tourismus ist demnach ein Kooperationspartner des Kulturtourismus und vice versa; Touristiker und Kulturmanager arbeiten zusammen. Obwohl ihre Aufmerksamkeit gleichermaßen den Chancen und Herausforderungen des kulturtouristischen Marktes gilt, verläuft die Zusammenarbeit in der Praxis nicht frei von »Glaubenskämpfen«: Auf der einen Seite ein überwiegend gemeinnützig orientierter und öffentlich finanzierter bzw. geförderter Kultursektor, der einen Kulturauftrag zu erfüllen hat, und auf der anderen Seite Tourismusbetriebe, deren Tun auf eine Gewinnerzielungsabsicht zugrunde liegt. In der praktischen Zusammenarbeit zeigt sich, wie wenig erfahren die Akteure in dieser notwendigen, aber gerne diffizilen Zusammenarbeit noch sind und es an einer professionellen Vermarktung und Vermittlung fehlt.

Die Notwendigkeit einer systematischen Qualifizierung von Kultur- und Tourismusakteuren, die eine gemeinsame Bearbeitung des Marktsegments Kulturtourismus anstreben, hat zwischenzeitlich die bundespolitische Diskussion erreicht. Im jüngsten Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD heißt es: »Wir wollen eine ›Initiative Kulturtourismus‹ ins Leben rufen und in Zusammenarbeit mit den Ressorts Kultur und Wirtschaft gestalten. Wesentliche Ziele sind Akteure aus den Feldern Kultur und Tourismus in ihrem Zusammenwirken zu qualifizieren sowie Modellprojekte und innovative Kooperationsformen zu fördern.«

Mit dem Forschungsprojekt soll das Handlungsfeld Kulturtourismus jeweils aus der Perspektive von Kultur- und Tourismusakteuren untersucht werden und die Relevanz des Marktsegments ›Kulturtourismus‹ erstmalig in einer Pilotstudie betrachtet werden. Ziel ist es, für Fragestellungen und Herausforderungen des Partners zu sensibilisieren und gleichzeitig Qualifizierungsbedarf aufzudecken. Auf dieser Grundlage soll ein praxisnahes Weiterbildungsprogramm für Kultur- und Tourismusakteure das für das Handlungsfeld Kulturtourismus qualifiziert.